Freitag, 6. September 2013

Die Stoa und der Suizid




Nein, das wird keine gelehrte Abhandlung über die theoretische Sichtweise der Stoiker bezüglich Selbstmord.
Pünktlich zum Start dieses Blogs ereignete sich der "Ernstfall", ein Lebensereignis, an dem sich eine einmal gewählte Philosphie bewähren muss.

Ein guter Freund von mir, nennen wir ihn Michael, hat sich selbst getötet.

Wie immer bei einem solchen Ereignis stellen wir Hinterbliebenen uns die Frage: Hätten wir es verhindern können? Waren wir nicht aufmerksam genug? Was hat er gedacht? Gefühlt? Hatte er Qualen? und...und...und...
Natürlich glauben wir jetzt im Nachhinein, dass wir Anzeichen für eine Depression hätten erkennen müssen. Jede erinnerte Äußerung wird jetzt auf die Goldwaage gelegt, jede Charaktereigenschaft, jede Eigenart und jede Macke neu interpretiert.

In der Stoa geht es immer wieder um die Frage, was kann ich kontrollieren, und was nicht?

- Ich kann nicht kontrollieren, was ich in der Vergangenheit an Zeichen, Äußerungen und Beobachtungen übersehen und fehlgedeutet habe.

- Ich kann das Verhalten, die Gedanken, die Folgerungen und die mögliche Erkrankung eines Anderen, und sei es auch mein engster Freund oder Bruder, nicht kontrollieren.

- Und letzten Endes: Ich kann nicht kontrollieren, auf welche Art und Weise der Kosmos das Geschaffene zurückfordert..

...liegt es aber nicht in Deiner Macht, was schert es Dich dann?- Epiktet


Was ich kontrollieren kann ist:

- Meine eigene Interpretation des Geschehenen.

- Welches Resümee ich aus möglichen eigenen Fehlern ziehe und wie ich in der Zukunft mit ähnlichen Anzeichen bei Freunden und Bekannten umgehe.

- Wie ich das Geschehene verarbeite, betrauere und durchlebe.

- Und: Wie ich in Zukunft mit mir selbst und meinem Leben schonender und weniger fordernd umgehen kann.

In Hundert Jahren sind wir alle tot und kein Hahn kräht mehr nach uns.
Danke Michael, dass ich Teil Deines Lebens sein durfte.

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