Freitag, 7. Februar 2014

Der nervöse Kithara-Spieler

..oder angewandte Philosophie im Hier und Jetzt.

Seit einigen Monaten nehme ich Gitarrenunterricht. Etwa im November oder Dezember setzte mich mein Lehrer in Kenntnis darüber, dass ich im Februar an einem kleinen Konzert anwesend sein solle...allerdings nicht als Zuhörer wie ICH dachte, sondern als Teil der Vorstellung.
Sofort musste ich natürlich an Irvine denken, der in seinem Buch eine "banjo-recitation" scherzhaft als das Schlimmste bezeichnete, was er je erlebt habe.
Was soll ich sagen, ich war natürlich hypernervös. Wie würde das Publikum reagieren? Würde ich mich blamieren? Würde mein Gitarrenlehrer enttäuscht sein?
Alles Dinge die außerhalb meiner Kontrolle liegen. Das einzige was ich tun konnte war üben, üben, üben um optimal vorbereitet in die Situation zu gehen.

Epiktet bringt das Beispiel des nervösen Kithara-Spielers, der zwar alleine im stillen Kämmerlein sein Instrument hervorragend beherrscht, aber vor Publikum versagt. Sein Versagen allerdings rührt daher, dass er sich von äußerlichen, nicht seiner Kontrolle unterliegenden und damit "indifferenten" Dingen abhängig macht. Dem Wunsch dem Publikum zu gefallen oder auch einfach besonders "gut" zu spielen.

Aber GERADE der Wunsch, jetzt und hier BESONDERS gut zu sein, hindert uns daran unser Können frei fließen zu lassen.

Alle diese Gedanken halfen mir, meine Nervosität nicht überborden zu lassen. Als mein Auftritt gekommen war und ich mich auf die Bühne setzte, konnte ich mit Hilfe stoischer Einstellungen das Publikum weitestgehend ausblenden, und spielte einfach das was ich immer und immer wieder geübt hatte, so gut wie es in diesem Moment eben ging. Und siehe da, es war nicht perfekt, aber blamiert hatte ich mich auch nicht.

Freitag, 24. Januar 2014

Das wahrhaft Gute

Ich lese gerade dieses Buch. Auch wenn ich erst 36% davon gelesen habe(ebook-Reader macht eine so genaue Angabe möglich ;-)), halte ich es für sehr empfehlenswert.
Darin wird unter anderem eine sehr interessante Übung zum Thema "Was ist aus sich selbst heraus gut?" empfohlen. Dabei teilt man eine Blatt in zwei Spatlten, überschreibt die eine mit "BEWUNDERNSWERT", die andere mit "BEGEHRENSWERT".

In die Spalte "BEWUNDERNSWERT" schreibt man sämtliche Dinge, Eigenschaften u.ä. die man ehrlich und aufrichtig an Anderen bewundert, bzw. die unseren Respekt verdienen, oder Vorbildcharakter für uns haben.

In die Spalte "BEGEHRENSWERT" schreibt man auf, was man sich für sich selbst wünscht, was man erstrebenswert findet, wofür man tagsüber viel Zeit aufwendet, um es zu bekommen.

Dann lässt man das Ergebnis auf sich wirken. Bei mir sah das ungefähr so aus:


BEWUNDERNSWERT
BEGEHRENSWERT

-          Selbstdisziplin
-          Ordnungssinn
-          Verbale und rhethorische Fertigkeiten
-          Intelligenz
-          Zur eigenen Meinung stehen, trotz Gegenwind, aber auch sich durch gute Argumente überzeugen lassen können
-          Angstfreiheit vor Autoritäten
-          Ehre und Würde, auch wenn es Nachteile bringt (Ned Stark ;-))
-          Contenance
-          Selbstbeherrschung gegenüber kulinarischen, sexuellen und monetären Verführungen
-          Durchhaltevermögen (Wildnis, Campen, Marathonläufe)
-          Gleichmut
-          Gelassenheit
-          Innere Unabhängigkeit

-          Gutes Essen und Trinken
-          Sexuelle Abenteuer
-          „Freizeit“, „Ausruhen“, „ Wellness“
-          Verwöhnt werden
-          Gute Emotionen, Glück
-          Finanzielle Sorglosigkeit
-          Gutes Aussehenen/ positive Wirkung aufs andere Geschlecht
-          Mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel verdienen
-          Die Bewunderung anderer

Tja, was denn nun?

Mittwoch, 22. Januar 2014

Der weise Mann benötigt nichts, und kann doch von jedem Ding guten Gebrauch machen.
Der Narr benötigt zahllose Dinge und kann doch mit nichts davon etwas gescheites anfangen.

Chrysippus

Donnerstag, 9. Januar 2014

Die Würde des Menschen

ist unantastbar. So steht es im Artikel 1 des Grundgesetzes, und darüber bin ich sehr froh. Es bedeutet, dass kein Mensch diskriminiert, ausgegrenzt, gedemütigt oder gefoltert werden darf. Es bdeutet auch, dass jeder Mensch von Geburt an eine Würde hat, die heilig ist.

Auch die Kirchen betonen heutzutage die Menschenwürde, und legen besonderen Wert darauf, dass sich diese aus dem christlichen Menschenbild ableiten würde. In der (politischen!) Diskussion um Armut und Sozialleistungen des Staates betonen die Amtsträger insbesondere, dass die Würde des Einzelnen nicht an seiner Gesundheit, Arbeitsfähigkeit oder seiner Nützlichkeit für die Gesellschaft festmachen lasse.
Aber worin besteht diese Würde denn? Ein Wert, ein Begriff wie "Würde" oder auch "Treue" oder "Gerechtigkeit" schwebt ja nicht irgendwo im luftleeren Raum, sondern muss immer in konkretem Handeln sichtbar werden. Ich erlebe genug Menschen, die sich dieser Würde selbst berauben, indem sie beispielsweise volltrunken, von ihren eigenen Exkrementen bedeckt in der Gosse liegen.
Oder indem sie mit ihrem Verhalten für ihre Umwelt nur eine Belastung und Belästigung darstellen.
Indem sie sich Stück für Stück von der Glotze verdummen lassen, ihren Süchten fröhnen und allen anderen die Schuld für ihre Situation geben.

Tue ich einem Menschen wirklich einen Gefallen, wenn ich ihm versichere, dass er immer noch im Vollbesitz seiner Würde ist, egal wie sehr er sich gehen lässt?

Ich kannte mal eine Frau, die an multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium litt. Sie verbrachte ihre Tage meist zu Hause und war auf komplette Rundumversorgung durch einen Pflegedienst angewiesen. Alles was sie noch konnte war lesen und telefonieren. Sie übernahm deshalb für ihren Verein die telefonische Rekrutierung und Einteilung von Vereinsmitgliedern für eine bestimmte regelmäßig wiederkehrende Aufgabe. Während dieser Telefonate zeigte sie sich als äußerst kluge und gebildete Frau, die auch manchen gute Rat auf Lager hatte. Diese Frau genoss den Respekt und die Dankbarkeit ihrer Umgebung und war trotz ihrer körperlichen Situation im Vollbesitz ihrer Würde.

Niemand kann uns an der Ausübung unserer Tugenden hindern.

Und niemand hindert uns daran, für die Gesellschaft von Nutzen zu sein. Niemand hindert uns daran, der alten Dame von nebenan die Zeitung vorzulesen, den Müll in dem kleinen Park wegzuräumen, Telefondienste zu übernehmen, Kuverts von Rundbriefen zu adressieren, bei öffentlichen Veranstaltungen zu helfen, alte Leute zu besuchen etc.

So klein der Dienst auch sein mag, Deine Würde bekommst Du indem Du Dich selbst beherrschst und etwas für andere tust. Und diese Würde muß auch jeden Tag von Neuem erworben werden.

Ohne praktizierte Tugenden jedoch bleibt Würde ein blutleeres, inhaltloses Lippenbekenntnis.


Gewöhnlich verachtet man freilich den, der nicht imstande ist, einem zu schaden. Es ist richtiger den zu verachten, der nicht imstande ist, zu nützen.

Epiktet- Unterredungen, Fragment 7

Freitag, 3. Januar 2014

Happy-End-Garantie?

Unser Kopf ist voll von Geschichten. Geschichten die wir gelesen, als Film im Kino gesehen oder als Aufführung im Theater gesehen haben. Eine gute Geschichte ist immer spannend, dramatisch, voller schicksalhafter Wechselfälle und geht meistens gut aus. Auch unsere Freunde und Familienmitglieder erzählen uns gerne gute Geschichten, die sie selbst erlebt haben. Dass dabei mal ein bisschen frisiert und dramatisiert wird schadet nichts, schließlich wollen wir als Zuhörer auch eine anständige Pointe. Und schließlich sind Geschichten unterhaltsam und lehrreich.

Was wir allerdings NIE tun sollten (und leider zu oft tun) ist, uns selbst Geschichten zu erzählen. Wenn wir unser Leben mit einem Roman verwechseln, werden unsere Erwartungen irrational. Dann glauben wir plötzlich, dass sich das Gute immer durchsetzt, oder dass es in unserem Leben nur DIE eine Liebe geben kann. Oder dass Emotionen wichtiger sind als Vernunft.
Wir geben dann den einfachen, nackten Tatsachen in unserem Leben schicksalhafte Bedeutungen. Oder vermuten Verhängnisse und Unheil, wo keines ist. Geben anderen Menschen die Schuld an unserer Situation, oder sehen weit zurückliegende Ereignisse als bestimmend für unser ganzes Leben an. Wir glauben dann vielleicht auch an den großen Retter, der unser Leben richten wird. Das kann der perfekte Partner, aber auch ein spiritueller Meister oder Seelsorger sein.

Die Dinge geschehen einfach im unabänderlichen Fluss der Atome und entziehen sich weitestgehend unserer Kontrolle. Unsere Urteile darüber jedoch stehen ganz in unserer Macht. Wenn wir uns Geschichten erzählen, die uns als Opfer beschreiben, oder als ohnmächtig einer Romanhandlung ausgeliefert, geben wir die einzige Macht ab, die wir haben.

Darum sollten wir uns darin üben, unseren inneren Dialog auf irrationale  (Lieblings-)Geschichten abzuhören, und uns nicht davor scheuen auch unsere Urteile über Vergangenes neu zu überdenken.

Das Leben ist einfach das Leben und kein Roman.

Freitag, 20. Dezember 2013

Mein Haus, mein Auto, meine Yacht!

Ein Bekannter von mir prahlt seit Neuestem gerne mit seinem Besitz. Er hat sich ein Haus zugelegt mit einem größeren Grundstück dabei, geht zwei bis drei Mal pro Jahr Skifahren (und das wohl in irgendwelchen Nobel-Skiorten) und ist zu Weihnachten angeblich bei dem Angehörigen irgendeines arabischen Königshauses eingeladen.
Abgesehen davon, dass mich Prahlerei immer etwas peinlich berührt, fallen mir vor allem zwei Dinge ins Auge:

1) Es ist eigentlich eher seine beruflich sehr erfolgreiche Freundin, die ihm diesen Lebensstil ermöglicht.
2) Seine Prahlerei betrifft Dinge, die nicht auf seine Verdienste, Fähigkeiten oder Tugenden zurückzuführen sind.

Sei auf keinen fremden Vorzug stolz. Wenn das Pferd sich stolz erhebend spräche: wie schön bin ich! so könnte man sich das gefallen lassen. Wenn aber du selbst voll Stolz sprächest: welch ein schönes Pferd habe ich! so wisse, daß du auf die Vorzüge deines Pferdes stolz bist. Was ist nun aber dein? Der Gebrauch deiner Vorstellungen! Wenn du also von deinen Vorstellungen einen naturgemäßen Gebrauch machst, dann magst du stolz sein; denn alsdann bist du stolz auf einen Vorzug, der dir gehört.  

Epiktet, Handbüchlein der Moral

Wir dürfen also gerne stolz sein, wenn wir etwas geleistet haben, mit unserer Vernunft oder unseren Tugenden. Dass wir in der Lage ist einen Geldbeutel zu öffnen um etwas Schönes zu "shoppen" fällt definitiv NICHT unter diese Kategorie
Tragisch ist, dass mein o.g. Bekannter durchaus über Fähigkeiten und Kompetenzen verfügt, offensichtlich geben diese ihm aber nicht die erwünschte Zufriedenheit. Wir sollten unsere Lebensziele daher sorgfältig wählen. Ist unser erklärtes Ziel die Anhäufung von Besitz und ein luxuriöser Lifestyle? Oder wollen wir uns weiter entwickeln, unsere Fähigkeiten zur Blüte bringen und dem Wohl unserer Gesellschaft dienen? Die Stoiker zumindest waren der Ansicht, dass wir in letzterem wahre Zufriedenheit finden würden.
 

Montag, 16. Dezember 2013

Eine sinnlose Frage





Eine bittere Gurke? Wirf sie weg! Dornensträucher im Weg? Weich ihnen aus! Das ist alles! Frage nicht noch: Wozu gibt es solche Dinge in der Welt?

Mark Aurel, Selbstbetrachtungen Buch VIII, Kapitel 50

Meine Tochter stellt mir viele Fragen über die Welt und ich beantworte sie so ehrlich und kindgerecht wie möglich. Allerdings ist sie gerade in der "Warum"-Phase, und ich stellte irgendwann fest, dass Warum-Fragen oft keine sinnvolle Antworten ergeben. So ist beispielsweise die Anatomie des Menschen einfach so wie sie ist. Wissenschaftlich gesehen versucht man Anatomie zu verstehen und zu beschreiben, allerdings gibt es keine sinnvolle Antwort auf die kindliche Frage, warum der Mensch denn nur eine Nase, oder nur zwei und nicht drei Hände hat (und weiß Gott, die dritte Hand könnte man manchmal wirklich brauchen!).

Ähnlich ist es mit Fragen wie "Warum musste dieser oder jener sterben?" oder "Warum gibt es Krieg, Hass, Gewalt?" Bei vielen dieser Fragen kann man sich an Kausalketten entlang hangeln. "Nun, er hatte Krebs, der wurde zu spät erkannt, weil er nie zum Arzt ging, Krebs ensteht durch eine fehlerhafte Programmierung im Erbgut, diese hat sich wohl im Lauf der Evolution eingeschlichen und medizinisch sind wir noch nicht soweit ihn wirkungsvoll zu bekämpfen!" Das ist die Warum-Frage auf der Sachebene abgehandelt. Eigentlich jedoch steckt hinter dieser Art von Fragen etwas anderes, nämlich der Wunsch nach der Sinnhaftigkeit des Daseins und der Ereignisse. Der Wunsch nach einem höheren Wesen, das die Welt weise und gerecht regiert. Der Wunsch nach einem Papa im Himmel, der schon weiß was er tut.
Zugegeben, auch die Stoiker glaubten teilweise an eine weise regierende Allvernunft. Die Versuch der Erklärungen nahmen bisweilen skurrile Formen an, wenn Chrysipp z.B. behauptete, die Götter würden Wanzen schicken, damit die Menschen nicht zu lange schlafen, und Mäuse damit sie sich an Ordnung gewöhnen und nicht alles herum liegen lassen!
Ich persönlich halte es eher mit Mark Aurels Tanz der Atome und der wohl dosierten Anwendung des Fragewortes "Warum". Der Grund ist, dass ich glaube dass die Frage nach einem höheren Sinn eines Verlustes den Opfern noch zusätzliche psychische Qualen bereitet, da dieser Sinn oft nicht zu finden ist. Oder fällt dem Leser ein Grund ein, warum eine höhere Allvernunft es zulassen sollte, dass ein Kind sexuell missbraucht und zu Tode gequält wird? Falls ja, wäre ich dankbar ihn mitgeteilt zu bekommen! Diese Einladung gilt auch für Dich, Gott!
Wenn wir allerdings akzeptieren, dass die Welt (zumindest für unsere Erkenntnisfähigkeit) ein blinder und chaotischer Ablauf von unzähligen Kausalketten ist, und uns nicht auch noch mit Fragen nach dem "Warum" quälen, können wir die bittere Gurke einfach wegwerfen und weiter gehen.