Mittwoch, 13. Oktober 2021

Wenn du dich hängen lässt, hängt auch dein Geist. Nimmst du eine würdevolle Haltung an, verleiht das auch deinem Geist Würde. Wenn es uns darum geht, so wie Shakyamuni Buddha zu werden, müssen wir erst einmal eine Haltung annehmen, die auch so fest wie die Shakyamunis ist. So schalten wir auf dieselbe Wellenlänge wie er. Die Form bestimmt den Inhalt.*

- Kodo Sawaki -


Auch der Körper muss eine feste Haltung haben und weder in der Bewegung noch in der Ruhe diese Festigkeit verleugnen. Denn wie Deine Seele auf Deinem Gesicht zu lesen ist und eben darum Deine Mienen zu beherrschen und zu formen weiss, so soll auch der ganze Körper ein Ausdruck der Seele sein

- Mark Aurel- 

* Muho, Abt. Der Mond leuchtet in jeder Pfütze: Zazen oder der Weg zum Glück (German Edition) (S.127). eBook Berlin Verlag. Kindle-Version. 




Freitag, 23. Dezember 2016

Beziehungen

Einsam, selbstgenügsam, in karger Umgebung mit einfachster Nahrung und schlichtesten Wohnbedingungen...und glücklich.
Das scheint die allgemeine Auffassung des Stoikers zu sein. In diesem Post möchte ich auf die Vorstellung des Stoikers als "einsamer Wolf" eingehen.
Selbst Menschen die sich mit der Stoa intensiv befasst haben, scheinen vor diesem Missverständnis nicht gefeit zu sein. Jules Evans schildert beispielsweise in seinem äußerst lesenswerten Buch "Philosophie fürs Leben" dass ihn seine Gemeinschaftserfahrungen auf dem Jakobsweg lehrten, dass Menschen nicht dazu in der Lage seien als "unbezwingbare, stoische Supermänner" durchs Leben zu gehen.

Ich gebe zu, dass durchaus Gefahr besteht die Stoa so zu verstehen. Immerhin scheinen es die Grenzerfahrungen des Lebens zu sein, in denen diese Philosophie so richtig aufblüht: Verbannung auf eine einsame Insel, Kriegsgefangenschaft in einem Folterlager oder der Befehl Suizid zu begehen.

Aber auch in unserem normalen Alltag kann es passieren, das wir beginnen den "einsamen Wolf" zu mimen, in der Meinung dies sei gut stoisch. Es kann aber auch unabsichtlich passieren, dass wir beginnen uns emotional von unseren Mitmenschen abzugrenzen.
Es gibt meines Erachtens vier Faktoren im stoischen Gedankengut, die uns dazu verleiten können in die Irre zu gehen:


1) Die Dichotomie der Kontrolle in Bezug auf Andere:

Mitmenschen können die Quelle größten Unbehagens sein. Gleichzeitig liegt die Gesamtheit ihres Verhaltens nicht in unserem Kontrollbereich. Neben Mark-Aurels berühmtem Zitat "Sage zu dir in der Morgenstunde...(Buch 2,1)" gibt es noch eine weitere Stelle in seinen Selbstbetrachtungen, die den daraus resultierenden emotionalen Konflikt spiegelt:

"Und wenn du darüber bersten solltest, sie werden immer gleich handeln." (Buch 8,4)
Wenn wir immer wieder enttäuscht werden, kann uns das dazu bringen, uns (wenn auch nur gedanklich) auf eine scheinbar höhere, zynische Warte zurück zu ziehen.  Bei scheinbar fehlender Anerkennung im Job kann sich das als "innere Kündigung" äußern. Wir reduzieren unser Engagement auf das Nötigste. Im Privatbereich werden wir vielleicht verbittert und lassen unsere Beziehungen allmählich erkalten
Und da die Stoa uns als Philosophie noch recht zu geben scheint, merken wir nicht, dass wir hier fehl gehen.
Anstatt uns aus Angst vor negativen Emotionen aus der Gesellschaft auszuklinken sollten wir uns immer wieder daran erinnern, dass die Pflicht zu unseren Nächsten eine konstruktive Beziehung zu bauen nicht von deren Verhalten abhängig ist. Genauso sollte der Wille eine gute Arbeit zu leisten nicht von Wertschätzung und Dankbarkeit abhängen. Mehr dazu HIER.
Die Stoa legt Wert auf ein nützliches und tätiges Dasein in der Mitte der Gesellschaft. Das ummauerte Gärtchen überlassen wir den Epikuräern.


2) Liebe, Freundschaft und Beziehungen als Indifferentes

Ja richtig, trotz aller Wertschätzung der Menschheit als Kosmopolis, als weltweite Gemeinschaft, sehen Stoiker Ehe, Liebe, Sex und Freundschaft als indifferent an, d.h. ohne Bezug zum "glücklichen" Leben. Das ist auch nur logisch, denn all diese Dinge unterliegen NICHT unserer direkten Kontrolle. Ich kann mich zwar aktiv auf die Suche nach einer Partnerin machen, meine Attraktivität erhöhen etc., aber OB ich wirklich eine Partnerin finde, kann ich nicht steuern.
Hier gibt es einen schmalen Grat zwischen der Vorstellung, dass der Stoiker mit Einsamkeit klar kommen sollte, und der Vorstellung dass der Stoiker die Einsamkeit anstreben sollte.

Bücher, Filme Dramen sind voller einsamer Helden die es mit der ganzen Welt aufzunehmen bereit sind. Einsamkeit wird uns auch manchmal als besonders erstrebenswerter Geisteszustand vermittelt, der den Menschen seinem Innersten Wesen näher bringt. Aber Einsamkeit kann auch Stress verursachen und Depressionen fördern. Untersuchungen in dieser Richtung legen nahe, dass wir manchmal mehr Abstand suchen als uns gut tut. Konstruktive Verbindungen zu unserer Umwelt, Beitrag zum Gesamten und Anteilnahme an unseren Mitmenschen sind Grundwerte der Stoa und können tatsächlich zu höherer Zufriedenheit beitragen.
Trotzdem gilt natürlich: Besser einsam als in schlechter Gesellschaft. Beziehungen die destruktiv sind, auf Ausbeutung und Unterdrückung beruhen sind abzulehnen.

3) Mitleid als unerwünschte Leidenschaft

Uns durch das Leiden eines anderen niederdrücken zu lassen, also mit zu leiden, wird von den Stoikern als unerwünschte Leidenschaft angesehen.


Sie (die Krankheit des Mitleides-ZS) ist ein Gebrechen eines schwachen und geringen Gemüts, das zusammenbricht wenn es sieht dass es einem anderen schlecht geht.
Justus Lipsius; De Constantia Buch 1 Kapitel 12

 Insbesondere im Christentum gilt Mitleid als Tugend. Da wir dazu neigen eher die inneren Voraussetzungen einer Tat zu beurteilen als die Tat selbst, scheint eine aus Mitleid begangene Handlung irgendwie verdienstvoller zu sein, als wenn ich die gleiche Handlung aus, sagen wir mal, Pflichtgefühl begehe. Und noch einen Schritt weiter scheint die Empfindung von Mitleid einen schon irgendwie als guten Menschen zu adeln, selbst wenn man keinen Handstreich tut um dem Bemitleideten zu helfen. So wird aus einer folgenlosen, negativen Emotion im Handumdrehen eine Tugend gemacht.

Wenn wir hier nun auf halbem Weg stehen bleiben, könnte man meinen es werde von uns stattdessen erwartet kalt und unberührt vom Schicksal anderer durchs Leben zu gehen.

Stattdessen stellt der oben zitierte Justus Lipsius dem Mitleid  die Barmherzigkeit gegenüber, die er als die eigentliche Tugend betrachtet. Barmherzigkeit wendet sich tatkräftig und mit Weisheit dem Nächsten zu. Um zu helfen, zu trösten und aufzubauen ohne sich von dessen Affekten anstecken zu lassen. (Inwieweit das tatsächlich möglich ist sei mal dahin gestellt. Mir geht es in diesem Post nur darum, dass wir nicht vor lauter Seelenruhe unsere Mitmenschen vergessen.)

4) Negative Visualisierung

Wie schon geschildert habe ich so meine Probleme mit der negativen Visualisierung. Als Dankbarkeitsübung praktiziert kann sie Dir echt den Tag retten, wälzt man sich allerdings zu sehr in der allgemeinen Unsicherheit des Daseins verkehrt sich der positive Effekts schnell ins Gegenteil.
Wenn Epiktet sagt, dass man sich beim Küssen seines Kindes daran erinnern soll dass man einen Toten küsst, läuft es mir kalt den Rücken herunter.*
Auch hier kann man fehl gehen, wenn als Folge dieses Gedankens eine Art innere Abschottung gegen Gefühle der Liebe zu diesem Kind geschieht. Ich glaube nach den Erfahrungen die Epiktet machte ging es ihm möglicherweise wirklich um eine Art emotionaler Versteinerung gegen die Geschicke des Lebens, ich selbst möchte aber nicht derart unberührt durchs Leben gehen. Gerade Liebe und Freundschaft sind mit durchaus erwünschten Affekten verbunden.
Ich denke diese Übung ist dann sinnvoll, wenn ich als Folge davon die Augenblicke mit meinem (zugegebenermaßen manchmal ganz schon nervigem) Kind nicht als Selbstverständlichkeit ansehe, sondern als etwas kostbares und fragiles in vollen Zügen genieße.


FAZIT: Die Stoa will uns nicht zu einsamen Supermännern machen. Sie sieht in der Beziehungspflege zum Mitmenschen eine naturgemäße Pflicht. Liebe, Ehe, Freundschaft sind zwar "indifferent", gehören aber zu den "bevorzugten" Gleichgültigkeiten. Ihre Sicht auf die Welt ist die einer kosmischen "Polis" in der alle Menschen füreinander sorgen sollten.
Trotzdem gibt es in der Beschäftigung mit stoischem Gedankengut Gruben und Fallstricke, die einen hart, unnahbar und eigenbrötlerisch werden lassen können. Auf diese gilt es zu achten.


* Allerdings war zu Epiktets Zeiten die Anzahl und die Sterblichkeit der Kinder um ein Vielfaches höher als heute, so dass der Verlust eines Kindes eher Alltag war und nicht die existenzielle Krise wie heute in der westlichen Zivilisation.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Eine Frage der Haltung

Es muss auch der Körper eine feste Haltung haben und darf weder in der Bewegung noch in Ruhe sich gehen lassen. Denn wie Deine Seele sich in deinen Mienen verrät und Nachdenken und Ehrbarkeit darin sich zeigen so lässt sich Ähnliches vom ganzen Körper fordern. Nur muss das alles auf ungekünstelte Weise beobachtet werde
Mark Aurel- Selbstbetrachtungen  Buch 7, 60

Das Selfie ist allgegenwärtig. Es gibt keinerlei Entkommen vor Menschen die es für überlebenswichtig zu halten scheinen, sich mit dümmlicher Mimik, dümmlichen Gesten und dümmlichen Posen selbst abzulichten. Abgesehen davon dass dieses Verhalten als schönes Beispiel für das Laster der Eitelkeit (manche nennen es auch Todsünde) dienen kann, haben weder Um- noch Nachwelt irgendeinen Gewinn davon.

Obwohl auch schon die Römer offensichtlich das Bedürfnis hatten sich abbilden zu lassen, könnte der Unterschied zwischen der Büste eines Senators und einem Selfie nicht größer sein. Unter anderem im Rahmen des römischen Ahnenkultes dienten die Büsten ehemaliger Politiker vor allem als Vorbild und Ermahnung. Wenn man sich die Gesichter der Abgebildeten anschaut wird man dort kein Lächeln und keine Faxen finden. Römische Büsten schauen meist eher ernst, angestrengt und fast grimmig drein.
Für die Römer war die Ernsthaftigkeit ein Ideal, denn wie Mark Aurel schreibt, die Seele verrät sich in der Mimik. Wer ein verantwortungsvolles Amt in Rom anstrebte sollte diese Ernsthaftigkeit und diese Tiefe und Würde des Geistes ausstrahlen. Ein Possenreißer war im Senat fehl am Platz.

Heute neigen wir dazu die äußere Form entweder zu vernachlässigen, oder aber wir fokussieren uns auf die falschen Dinge wie Schönheit, Jugend oder die richtigen Markenlabel an den Klamotten. Form und Manieren werden in Deutschland häufig als oberflächlich und unaufrichtig empfunden. Zu Unrecht wie ich finde.

Als "Philosophen" sollten wir  körperliche Aspekte nicht unterschätzen, denn es wirken nicht nur die geistigen Vorgänge auf den Körper, sondern der Weg geht auch umgekehrt. Bekannt ist die Selbsterfahrungsübung, dass ein aufrechte Körperhaltung, verbunden mit einem Lächeln stimmungsaufhellend wirken kann.

Sowohl unsere Körperhaltung als auch die Art unserer Bewegung sagt etwas darüber aus, wie wir uns selbst und die Welt sehen. Es ist beispielsweise schwer vorstellbar, dass jemand der nur wenige Dinge als wirklich wichtig betrachtet gehetzt, außer Atem und  mit wehenden, derangierten  Kleidern zu einem Termin erscheint.
(oder bei Tisch frisst wie ein Schwein!)

Für die Herren der römischen Aristokratenfamilien war die gravitas, Schwere und Langsamkeit, höchster Ausdruck von Würde und Eleganz.
Das wichtigste dabei ist jedoch die "Nonchalance", das lässige, ungekünstelte. Wirken eine aufrechte Haltung und langsame Bewegungen gewollt und angestrengt, verkehrt sich die Wirkung ins Gegenteil.

Ähnlich wie Zazen über die Körperhaltung auf den Geist wirkt, können wir vielleicht auch mit dem bewussten Einüben einer guten Haltung und gemessenen Bewegungen auf unsere inneren Vorgänge zurückwirken. Denn das Handeln wie wir wissen unterliegt unserer direkten Kontrolle!




Interessanter Artikel...

zur Stoa als "Dharma des Westens".

Mos Maiorum

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Acceptance and Commitment

Im vorherigen Post über die Stoa als Glücksrezept habe ich den Begriff  "Feelgoodism" benutzt. Dieser stammt von Russ Harris und ist seinem Buch "The Happiness Trap", zu Deutsch "Die Glücksfalle" entnommen.
Der Begriff soll beschreiben, dass  in unserer westlichen Kultur mittlerweile eine Art Diktatur des "glücklich", "positiv", "locker" und "immer gut drauf"-seins existiert. Wir werden mit Botschaften bombardiert wie wir unser Leben verbessern, unsere Leistungsfähigkeit anheben, ja sogar unsere Gedanken glücklicher machen können.
Da wir in der Realität jedoch immer wieder mit Negativem konfrontiert werden, setzt uns der Versuch immer "positiv" und "optimistisch" zu sein noch zusätzlich unter Druck. Glücksrezepte werden dadurch nicht zur Lösung sondern vielmehr Teil des Problems. Mit Glücksrezepten sind vor allem Versuche gemeint negativen Emotionen und Erfahrungen zu entrinnen bzw. sie zu unterdrücken und nur positives zuzulassen. Das MUSS nämlich über kurz oder lang zwangsläufig scheitern.
Aus diesen Überlegungen heraus hat sich im Rahmen der "dritten Welle" der Verhaltenstherapie die sogenannte "Acceptance and Commitment"-Therapie(kurz ACT) entwickelt. Ich werde hier nicht sehr tief auf diese eingehen sondern empfehle wärmstens das enstprechende Buch von Russ Harris. Wer es lieber als Comic (aber genauso nützlich und gehaltvoll) mag wird HIER fündig.

Was hat das nun mit der Stoa zu tun?

Nun zum einen fußen viele der modernen Psychotherapien wie die Kognitive Verhaltenstherapie oder Viktor Frankls Logotherapie u.a. auf dem philosophischen Fundament der Stoa. Das trifft auch auf die ACT zu.

Zum andren habe ich in Russ Harris' Buch ein Kapitel entdeckt, das geradezu "epiktetisch" anmutet.
Es lautet "Konzentrieren Sie sich auf das was Sie kontrollieren können"!

Zunächst schreibt Harris:

Was haben Sie unter Kontrolle? Hauptsächlich zwei Dinge: Ihr Handeln und Ihre Aufmerksamkeit. Sie können die Aktionen die sie unternehmen kontrollieren, ungeachtet dessen was Ihre Gedanken und Gefühle Ihnen erzählen mögen(...). Und Sie können kontrollieren worauf Sie ihre Aufmerksamkeit richten,..

Und dann, im Gegensatz zu Epiktet:

Sie besitzen wenig Kontrolle über Ihre Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Impulse und Empfindungen-und je intensiver diese sind, desto weniger Kontrolle haben Sie.

Das bedeutet nun aber auch, dass jeder Versuch unsere Gedanken DIREKT zu verändern (z.B. durch inneres Disputieren) nur sehr unzureichend funktionieren kann.
Die gute Nachricht der Verhaltenstherapie (und auch der Stoa) aber ist, dass unsere Gefühle und Gedanken unserem Handeln FOLGEN.
Wir können also schlecht drauf sein UND unsere Kollegen freundlich behandeln.
Wir können Angst haben UND in der Besprechung unsere Ansicht vorbringen.
Wir können uns wie ein Versager fühlen UND gute und gewissenhafte Arbeit leisten.

Dann stellen wir vielleicht fest, das unsere Gedanken und Gefühle eher flüchtigen und irrealen Charakter haben, während unser Handeln die Welt um uns herum verändert.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Stoa macht glücklich

Stoiker zu sein und sich mit antiker Philosophie zu befassen scheint im englischsprachigen Raum en vogue zu sein. Während deutschsprachige Veröffentlichungen eher rar und entweder zu akademisch oder zu wenig praxistauglich sind (wie das da), findet man eine Vielzahl englischsprachiger Veröffentlichungen, die sich alle dem Versuch widmen, die stoische Philosophie für den Alltag im 21. Jahrhundert fruchtbar zu machen.
Neben den fundierten und wirklich auf tiefer Ebene ansetzenden Werken von Prof. William Irvine und Donald Robertson finden sich aber auch leider Veröffentlichungen aus der Richtung der "Feelgoodism and Happiness"-Industrie.
Ryan Holiday ist für mich ein gutes Beispiel. Alle seine "Auslegungen" stoischer Texte atmen den Geist des "Glücksrezeptes". In gut amerikanischem Stil, ganz im Sinne von Dale Carnegie und Co, bringt er Beispiele aus der Gründer- und Unternehmerszene. Bei ihm habe ich den Eindruck, dass zuerst seine eigene Auffassung zu einer spezifischen Problematik da war, und er sich dann den (scheinbar) passenden, stoischen Aphorismus heraus gesucht hat.
Seine Motivation scheint dabei nicht die ethische Entwicklung der Persönlichkeit Richtung Tugend zu sein, sondern er wirkt vielmehr wie einer dieser "Tschakka du schaffst es!"-Motivationsgurus.
Dazu passt auch, dass er auf seiner Website Bücher rezensiert und bewirbt, die alles andere als den fairen, weisen, mutigen und gerechten Umgang des Lesers mit seinen Mitmenschen zum Inhalt haben.
Für Holiday ist daher logischerweise auch der Stoizismus nur ein Vehikel zur effektiveren Verfolgung beruflicher und persönlicher Ziele zu.
Nun ist das an sich nichts Verwerfliches. Im Gegenteil, sich Ziele zu setzen ist geradezu lebensnotwendig. Was mich an Holiday stört ist diese künstliche Welt von Erfolg, Untenehmertum und amerikanischem Traum in dem sich sein Ansatz zum Stoizismus bewegt. Tugenden scheinen nur wichtig zu sein, wenn sich damit Profit oder Leistungsfähigkeit steigern lassen.
Dieser Ansatz ist oberflächlich und banal.
 Philosophie, wie ich sie verstehe, reicht viel tiefer. Sie will uns in den existenziellen Situationen unseres Lebens (Verlust, Schmerz, Tod) Antworten und Wegweisung liefern.

 Radikal ausgedrückt: eine Philosophie fürs ganze Leben muss sich auch im KZ oder Gulag bewähren.

Die Stoa KANN glücklich machen, sie KANN auch beruflichen Erfolg unterstützen, aber weder des eine noch das andere ist ihr Hauptziel. Es wird Situationen in unserem Leben geben, wo wir uns zwischen guten Gefühlen und guten Taten entscheiden müssen.

Ich denke nicht dass James Stockdale in den Jahren seiner Gefangenschaft in irgendeiner Form von warmen Glücksgefühlen durchflutet wurde. Ich denke auch nicht, dass er darüber nachgedacht hat, ob das wirklich das Leben ist das er führen wollte, und ob nicht vielleicht nur sein mangelndes Selbstvertrauen einem gewagten Schritt in die Selbstständigkeit im Wege steht. Aber sein jahrelanges Studium von Epiktet (und natürlich auch seine militärische Ausbildung) haben ihm geholfen mit einer fürchterlichen Situation so umzugehen, dass er sich einen Rest an Freiheit bewahren und keine Schikane seiner Wärter ihn innerlich brechen konnte.

Hier können wir ein wenig erahnen, warum ein auf das Rad geflochtener Stoiker "glücklich" sein kann.

Zur Kontroverse um Ryan Holiday gibt es auch HIER einen interessanten Post, leider recht lange und auf englisch.

Dienstag, 13. Dezember 2016

Die Tugend in den kleinen Dingen



Ich liebe Historien- und Fantasyfilme und -romane. Einzutauchen in eine andere Welt, in der Gut und Böse klar getrennt sind, das Abenteuer direkt vor der Haustür liegt und Ritter, Krieger, Magier für die gute Sache kämpfen.
Wenn ich dann Begriffe wie Mut, Tapferkeit, Heldentum etc. lese, sehe ich immer Szenen aus diesem Genre vor mir. Der Ritter der sich mutig in die Schlacht stürzt, der Freiheitskämpfer der der Folter widersteht, der aufrechte Ratgeber, der seinem König tapfer widerspricht.

Nun sind die wenigsten von uns Ritter oder Revolutionäre. Wir arbeiten in ganz normalen Jobs, habe unsere normalen Familien, leben unser normales Leben.

Was bedeutet Mut für uns? Klar, wir können in Schlägereien geraten, unsere Frau verteidigen oder dem Chef mutig die Meinung geigen. Aber es gibt meiner Meinung noch kleinere, unauffälligere Gelegenheiten Mut zu zeigen.

Viele Menschen leben zum Beispiel mit einem chronisch kranken Partner zusammen. Sie müssen tagtäglich mit der Sorge leben, dass es diesem schlechter gehen könnte. Sie müssen vielleicht dessen Launen und Depressionen ertragen. Sie müssen damit leben, dass ein Großteil ihres eigenen Lebens und ihrere eigenen Energie für den Partner drauf geht. Und bei all dem müssen sie sich noch ihren eigenen Ängsten und Sorgen stellen und diese ertragen.

Es gibt in den Diskursen von Epiktet eine Szene in der ein Vater berichtet dass er die schwere Erkrankung seiner Tochter emotional nicht ertragen habe und deshalb von zu Hause geflohen sei. Nachdem der Vater sich zunächst auf die Natürlichkeit seiner Gefühle beruft, weist Epiktet in in einem kleinen Frage- und Antwortspiel auf die Folgen seines Verhaltens hin. Das natürliche Verhalten eines Vaters nämlich wäre, sich um seine Tochter so gut wie möglich zu kümmern und dabei die eigenen Gefühle auszuhalten. Schließlich kann der Vater nicht wollen, dass seine Tochter umgeben von Fremden stirbt, genauso wenig kann er wollen, dass er selbst isoliert und einsam stirbt wenn es bei ihm so weit ist.
Epiktet führt an, dass genau für dieses (naturgemäße) Verhalten Mut erforderlich ist (und natürlich auch Weisheit, Gerechtigkeit und Mäßigung).
So ist nicht unbedingt der am Mutigsten. der sich am bereitwilligsten in den Tod stürzt. Manchmal ist weiter zu leben schwieriger.


Samstag, 10. Dezember 2016

Weiteres Web-Fundstück

Der Blog von Professor Massimo Pigliucci. Abgesehen von Donald Robertson einer der fundiertesten und gehaltvollsten Blogs.

https://howtobeastoic.wordpress.com

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Negativer Effekt der negativen Visualisierung

Mit diesem Post schlachte ich eine heilige Kuh des Stoizismus. Denn meiner Meinung nach sollte man die vielzitierte negative Visualisierung entweder nur in höchst abgeschwächter Form betreiben oder am Besten ganz sein lassen.
Wir leben in einer Zeit in der Depressionen, Ängste und Zwangserkrankungen epidemisch zunehmen. Die neuen Medien stürmen mit ihrer schreienden Informationsflut auf uns ein und peitschen uns mit ständig neuen Schreckensmeldungen auf.
Wir werden also ständig damit konfrontiert was alles geschehen kann, bzw. auf wieviel verschiedene Arten und Weisen man zu Tode kommen kann. Die Bilder schrecklicher Verbrechen und Terroranschläge werden uns rund um die Uhr frei Haus geliefert.
Diese Entwicklung noch mit zusätzlichen Imaginationen zu befeuern halte ich für wenig sinnvoll. Unsere ohnehin schon angespannte Psyche reagiert auf negative Visualierung und Bilder ähnlich wie auf tatsächliche Ereignisse. Unser Stresspegel steigt weiter an. Im schlimmsten Fall erkranken wir an einer generalisierten Angststörung. Bei dieser Erkrankung sind die Betroffenen nicht mehr in der Lage aus dem dauerbesorgten Zustand auszusteigen.
Der vermeintliche Effekt, dass man sich dadurch besser auf tatsächliche Ereignisse vorbereiten könne und einen das vorgestellte Ereignis, wenn es denn tatsächlich eintrifft, psychsisch weniger hart trifft, ist unbewiesene Theorie. Wir können Dinge mental erst dann verarbeiten und überwinden wenn sie uns tatsächlich treffen.
Und überhaupt, es gibt unzählige negative Ereignisse die uns zustoßen können: Verlust, Verbrechen, Raub, Mord , schwere Erkrankungen, Kindesentführung, Erdbeben, Flugzeugabstürze, Autounfälle, Wohnungsbrände, Krieg, Flucht, Terroranschläge, finanzieller Ruin, Scheidung und, und, und....
  Wollen  wir wirklich unsere kostbare Lebenszeit damit verbringen sie alle durch zu imaginieren? Ich möchte das nicht, und halte es aus den genannten Gründen auch nicht für sinnvoll. Auch verfügen wir nicht über die zeitlichen und finanziellen Ressourcen uns auf sämtliche negative Ereignisse konkret vorbereiten zu können.
(Wer das trotzdem tun möchte kann sich ja mal auf den Websites der sogenannten "Preppies" umsehen.)
Stattdessen folge ich dem Ansatz von Prof. Irvine und führe eine Liste auf der ich notiere wofür ich dankbar bin. Das können meine Frau und meine Kinder sein, aber auch die Tatsache dass ich laufen, atmen, leben kann, ich bin dankbar für frisches Wasser, den vollen Kühlschrank und so weiter.
Das verhindert die von Irvine so genannte hedonistische Adaption und bewirkt damit das gleiche wie die negative Visualisierung.

Freitag, 18. November 2016

Stoa auf Katholisch


In englischsprachigen Veröffentlichungen zur Stoa wird oft behauptet, dass sich die stoische Philosophie sehr gut mit allen(!) Glaubensrichtungen vereinbaren lässt. Jemand der aus christlicher Sicht damit ernst macht ist der Amerikaner Kevin Vost, Katholik und Experte für die Werke von Thomas von Aquin. Letzterer hat bekanntlich in einem Mammutwerk den christlichen Glauben mit der antiken Philosophie zu versöhnen versucht.
Vost, der auch schon ein Buch über die Tugenden geschrieben hat, beleuchtet in obigem Werk Musonius, Epiktet, Mark Aurel und Seneca und macht ihre Ansichten für katholische Christen fruchtbar. Ein interessanter und gewinnbringender Ansatz um die Stoa in den modernen Alltag zu übertragen.

Samstag, 12. November 2016

Deutschsprachige Stoiker

Unter dem folgenden Link befindet sich anscheinend eine deutschsprachige Seite über angewandten Stoizismus im Aufbau. Besuchen!!!

http://www.stoiker.net/

Donnerstag, 31. März 2016

„Die innere Gelassenheit hat mir die nötige Kraft gegeben, meiner Pflicht nachzukommen.“
— Helmut Schmidt (1918–2015)

Samstag, 19. September 2015

Hedonismus unter extremen Bedingungen

Es ist nicht der Stoiker, es ist der Hedonist, nicht nur der naive, sogar der epikuräisch-aufgeklärte, der einen guten Untertan abgibt, und sich wenig um die Änderung sozialer Missstände bemüht.
Aristipp u.a. erklären den Sinn der Tugenden rein inner-weltlich. So sorgt die Fairness im Umgang mit Mitmenschen beispielsweise für ein ruhiges Gewissen und guten Schlaf, für Freundschaft und gegenseitige Hilfsbereitschaft.
Das Halten der Gesetze schützt uns vor Unannehmlichkeiten wie Körperstrafen oder Gefängnis.

Es wäre von den antiken Philosophen zuviel verlangt, derart weitblickend gewesen zu sein, um die Diktaturen des 20 Jahrhunderts vorher zu sehen.
Diese zeichneten sich unter anderem durch die teilweise völlige Umwertung aller bestehenden Werte aus. Die Gesetze dienten nicht mehr dem Recht und dem Schutz der Bevölkerung vor Willkür, sondern waren selbst Ausdruck von Unrecht und Terror.
Plötzlich war es gut gegen Volksschädlinge besonders grausam vor zu gehen, plötzlich war es gut Kinder in die Gaskammer zu schicken oder "unzuverlässige" Elemente zu Tode zu foltern.

Ich frage mich wie Epikur oder ein "evolutionärer Humanist" wie Michael Schmidt-Salomon in einem solchen Regime gehandelt hätte. Und natürlich beziehe ich die Frage auch auf mich selbst.

Der Hedonismus, der keine weitere Funktion der Tugend kennt, außer einem möglichst viel Ruhe zu verschaffen, führt uns hier nicht weiter. Er funktioniert eben nur unter einigermaßen sicheren und wohlversorgten Umständen.

Auf Rückfrage aus dem Publikum während eines seiner Vorträge räumte der bekennende Hedonist Prof. Kanitscheider ein, Menschen unter Elendsbedingungen ohne Aussicht auf Besserung keine philosophischen Empfehlungen geben zu können. (Quelle)

Die Stoa dagegen erhebt den Anspruch auf eine Ethik, die jenseits von "Wohlfühlen" und Sättigung aller Grundbedürfnisse, einen Blick auf das Gute an sich wirft, und ihr Handeln daraus ableitet.


Samstag, 20. Juni 2015

Der Umgang mit Indifferentem


Für den Stoiker liegt das "Gute" und das "Schlechte" nur im eigenen Wollen und Streben. Als "Gut" zählen ausschließlich die 4 Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit. Die Kehrseiten dieser Tugenden, Narretei, Willkür, Unersättlichkeit und Feigheit sind "schlecht".
Da das was "Gut" oder "Schlecht" ist, per stoischer Definition auch unserer Kontrolle unterliegen muss,  treffen diese beiden Wertungen nur auf unser Handeln, unser Denken und unser Wollen zu.

Alles andere ist "indifferent".

Also Fußball, Arbeitsplatz, Freunde, Krieg, Kinder, Wetter, Verkehr, Urlaub, Garten, Chaos, Sex, Essen, Leben, Krankheit, Pornographie, Musik, Kleidung, Umwelt ...und, und,und.

Alles indifferent, also egal?

Nun gibt es natürlich unter all diesen Dingen auch die sogenannten "bevorzugten" Dinge, also die, die wir natürlicherweise bevorzugen. So präferiert auch der Stoiker Gesundheit vor Krankheit, Familie/ Freunde vor Einsamkeit und gesunde Nahrung vor Hunger leiden.

Aber was ist mit dem ganzen Rest? Karten spielen oder andere Hobbies? Sport und Vereinsarbeit? Politische Betätigung oder Briefmarken sammeln?
Legt der Stoiker hier die Hände in den Schoß und zieht sich aus allem zurück weil ein Fußballspiel zum Beispiel nichts mit seiner Tugend zu tun hat? Ist er quasi wie gelähmt, wenn nicht gerade eine Tugend gefragt ist?

Vor einiger Zeit habe ich irgendwo die schöne Metapher des Töpfers gelesen. Der Stoiker ist der Töpfer und die indifferenten Dinge sind der Ton mit dem er arbeitet. Der Töpfer kann sich vor seiner leeren Drehscheibe die schönsten Gefäße in allern erdenklichen Formen ausmalen.
Greift er aber nicht zum Ton und beginnt zu arbeiten, entsteht nichts Greifbares aus seinen Vorstellungen, und seien sie auch noch so erhaben.
 Umgekehrt hat der aber auch Ton auch keinen Wert an sich und keinerlei Intentionen, es ist ihm schlicht egal, was aus ihm wird.
Erst wenn der Töpfer den Ton auf seiner Drehscheibe bearbeitet, können aus ihm Teller, Töpfe, Krüge und andere Dinge von Schönheit und Wert entstehen.

Solange der Stoiker also still und passiv in seiner Kammer sitzt und die Hände in den Schoss legt, existiert seine Tugend nur irgendwo in seiner Vorstellung, im luftleeren Raum. Er kann die herrlichsten und ausgefeiltesten Definitionen der einzelnen Tugenden ersinnen, es bleibt doch nur Trug und Schein.
Erst in seinem Umgang mit den indifferenten Dingen bekommt er Gelegenheit seine Tugenden konkret zu verwirklichen und etwas von Wert zu schaffen.
Ein Fußballspiel zum Beispiel hat keinerlei Wert an sich. Erst wenn es von den Beteiligten im richtigen sportlichen Geist, getragen von Fairness, Selbstdisziplin, Tapferkeit und Akzeptanz des Ergebnisses ausgetragen wird, kann es ein "gutes" Spiel im stoischen Sinne werde.


Mittwoch, 17. Juni 2015

Wofür es sich zu kämpfen lohnt


Unter o.g. Titel erschien in der Zeitschrift "Hohe Luft", die sich der Philosophie verschrieben hat, ein Artikel, in dem es um die Gegenüberstellung von Gelassenheit und Engagement, bzw, Schicksalsergebenheit und Auflehnung gegen die äußeren Umstände geht.
Einen großen Teil des Artikels nimmt die Rezeption der Stoa und des Buddhismus ein.
Leider bedient auch hier der Autor die üblichen Vorurteile und Missverständnisse beider Weltanschauungen.
So wird der Stoiker als "hart aber nicht glücklich" und auch als nicht menschlich bezeichnet. Freiheit von Affekten wird gleichgesetzt mit emotionslos und auch Schopenhauer wird zitiert, der den stoischen Weisen als hölzernen, steifen Gliedermann bezeichnet, mit dem man nichts anfangen kann und der nicht weiß wohin mit seiner Weisheit(...)(der) dem Wesen der Menschheit vollkommen widerspricht.
Vor diesem Hintergrund fragt sich der Autor auch, ob der Stoiker nicht der perfekte Untertan ist, und sich beispielsweise gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten auflehnen würde.

Den Stoikern ging es niemals um ein völliges Ausrotten aller EMOTIONEN, sondern um die Gefühle, die zerstörerisch auf die Person und ihr Leben einwirken. Dazu gehören z.B. übertriebene Angst, Panik, soziale Phobie, Neid, Missgunst, Hass etc.
 Das hat die Stoa übrigens mit der REVT gemeinsam, die durch vernünftige Reflektieren ihre Klienten von ungesunden zu gesunden Gefühlen führen möchte.
Don Robertson stellt in "Stoicism and the art of Happiness" heraus, dass der Stoiker zwar nicht versklavt werde durch seine Gefühle, das aber noch lange nicht bedeute dass er hartherzig und gefühllos sei. Ebenso wenig sei es das Ziel, gesunde und natürliche Gefühle wie Liebe, Freundschaft und Barmherzigkeit, aber auch Vorsicht, Ärger und begründetes Misstrauen auszuschalten.

"Wer liebt macht sich verletzlich" heißt es in dem Artikel, und weiter: "er liefert sich aus. Er hat nicht mehr alles unter Kontrolle!"
Wer hat behauptet, dass der Stoiker ALLES unter Kontrolle hat? Ganz im Gegenteil, die stoische Philosophie reflektiert am klarsten, was man alles NICHT unter Kontrolle hat.
Aber müssen Liebe und "sich ausliefern" zwangsläufig einander bedingen?

Meiner Meinung nach reduziert der Autor die Stoa zu sehr auf den Umgang mit Emotionen und Leidenschaften. Die Stoiker waren aber auch Befürworter von Ehe und Familie, von Freundschaft und Solidarität und sie sahen die Menschheit als große Familie an.

Vor diesem Hintergrund hätte ein Stoiker genug Gründe sich gegen ein brutales Regime wie den Nationalsozialismus aufzulehnen, nicht aus blinder Wut, sondern aus seinem Sinn für Gerechtigkeit heraus.
Und auch in der heutigen Welt hat man als Stoiker genug Gelegenheiten sich gegen Unrecht und unmenschlichen Umgang aufzulehnen. Natürlich weiß er immer, dass das Ergebnis seines Handelns nicht von ihm abhängt, sein Handeln selbst aber seiner vollen Kontrolle unterliegt.

Am Ende des Artikels kommt der Autor zu dem Schluss, dass sowohl Gleichmut als auch Eifer, Wut UND Vernunft zu einem erfüllten Leben gehören. Gerechtigkeit und Menschlichkeit seien Dinge für die es sich zu kämpfen lohne...auch wenn es aussichtslos zu sein scheint.

Richtig!
Und genau diese Haltung finde ich in der Stoa!

Dienstag, 16. Juni 2015

Resilienz

Neulich besuchte ich eine Fortbildung unter dem Titel "Resilienz- den Arbeitsalltag bewältigen".
Wie alle Fortbildungen dieser Art war der Vortrag eine wilde Mischung aus Psychologie, NLP, etwas Glücksforschung und Stoizismus.
Ja, tatsächlich, auch Lehren der Stoa waren in dem Thema versteckt, wenn auch unter anderen Stichworten.

So stellte die Dozentin beispielsweise die These auf, dass der sogenannte Burn-Out oder die Erschöpfungsdepression aus der mangelnden Kontrolle der Emotionen herrührt.
Welche Philosophie wäre also besser geeignet die eigenen Emotionen zu kontrollieren? Wohlgemerkt: kontrollieren, nicht unterdrücken!!!
So sollen wir zwar unsere negativen Emotionen wie Wut, Enttäuschung oder auch Neid wahrnehmen und benennen, es dann aber unterlassen weiter in ihnen zu schwelgen oder ihnen mit unserem Kopfkino neue Nahrung zukommen zu lassen. Wir lassen uns also nicht durch unsere Emotionen "versklaven" wie Zenon es einst ausdrückte.
Aber nicht nur unsere eigenen Emotionen sind zu managen, auch die der Anderen müssen wir aushalten. So fällt es uns unter anderem deshalb so schwer im Alltag Grenzen zu ziehen, weil wir damit bei anderen negative Emotionen produzieren.
Immer wenn wir eine Grenze ziehen, "Nein" sagen oder uns nicht beeinflussen lassen, nehmen wir einem anderen etwas weg. Wir müssen es also ertragen, dass der andere nicht glücklich ist. Allerdings liegt weder das Glück der anderen, noch deren Frustrationstoleranz in unserem Kontrollbereich. Natürlich bedeutet auch dies nicht hartherzig und egoistisch durchs Leben zu gehen, aber wir dürfen auch nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen und versuchen es jedem mit dem wir im Job Kontakt haben recht zu machen. Das wäre nicht nur unprofessionell sondern auch selbst-ausbeuterisch.

Bezüglich als negativ empfundener Situationen stellte sie Dozentin die bekannte Trichotomie

Change it or Love it or Leave it
(Ändere es, liebe es oder (Ver)lass es!)

vor. Bei Change it nähern wir uns wieder Epiktet, indem wir uns fragen müssen: was kann ich denn tatsächlich ändern? Laut ihm ist es nämlich nur mein eigenes Verhalten, meine Urteile und mein Wollen das ich ändern kann. Allerdings kann man das Potential kleiner Verhaltensänderungen seinerseits gar nicht groß genug einschätzen. 
Love it ist missverständlich, denn hier geht es nicht darum eine negative Situation tatsächlich zu "lieben", sondern darum einen Weg zu finden mit ihr zu leben. Ich kann eine Situation z. B. umdeuten. Angenommen eine Kollegin räumt permanent hinter mir her, seufzt vielleicht dabei noch oder schüttelt den Kopf über die vermeintliche oder tatsächliche Unordnung. Deutung A meinerseits könnte sein: "Blöde Kuh! Kehr vor Deiner Tür! Was geht's Dich an!" oder aber B: "Wie zuvorkommend, nett, hilfreich..." Hierbei geht es weniger um die "Wahrheit" als darum einen Weg zu finden mit der Situation so umzugehen, dass wir uns nicht daran aufreiben.
Leave it wiederum kann einen tatsächlichen Jobwechsel bedeuten oder aber eine Situation komplett los zulassen , so dass sie uns emotional weder positiv noch negativ beschäftigt.

Der letzte Punkt betrifft die Akzeptanz der Wirklichkeit, so wie sie nun mal im Moment ist. Auch hierbei müssen wir uns wieder die Frage nach unserem eigenen Kontrollbereich stellen. Wir haben keine Möglichkeit zu beeinflussen was JETZT in DIESEM Moment passiert. Ebensowenig können wir die Vergangenheit ändern. Erst in etwa einer halben Sekunde beginnt der Bereich auf den wir etwas Einfluss haben.
Die Kunden stürmen in Massen den Laden? Der Chef hat die mieseste Laune seit 5 Jahren? Trotz unserer besten Absichten und Bemühungen ging das Projekt in die Hose?
Es ist wie es ist. Das hier und jetzt ist der Moment in dem wir zeigen können ob wir nur Online-Philosophen sind oder ob unsere Anschauungen für die Wirklichkeit taugen.

Freitag, 26. Dezember 2014

Gott und die Stoa

.(..)Gib mir Geduld und Gelassenheit(...)Gott, was Du mir schickst will ich annehmen, Erfolg und Mißerfolg, Freude und Mühsal
Nein, das ist kein Zitat aus Epiktets Schriften, könnte aber durchaus von ihm inspiriert sein. Epiktet hat so oft Gott erwähnt, dass auch die späteren Christen seine Schriften als hilfreich und lesenswert empfanden.

In meinem Sommerurlaub ist es passiert. Durch den Anblick von Meer und Wellen, endlosen Sanddünen, sternenklaren Nächten habe ich damit begonnen wieder zu beten.
Diese Entwicklung geschah nicht ganz ohne Vorankündigung. Schon in der Zeit davor fielen mir viele Parallelen zwischen Stoa und christlichem Glaube ins Auge. Insbesondere die Vorschläge für einen "stoischen Tagesplan" in englischsprachigen Blogs stießen meine Nase wieder auf das Thema Gebet. Ich will das am Thema "abendliche Rückschau" festmachen.

In einem atheistischen Stoizimsus ist der Mensch ganz auf sich selbst gestellt, auf sich selbst zurückgeworfen. Bei der abendlichen Rückschau auf den Tag, bei der ich mir meiner Verfehlungen bewußt werde, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu erkennen, wie weit ich vom "stoischen Weisen" noch entfernt bin. Ich frage mich dann, ob meine Lebenszeit überhaupt reicht, auch nur ansatzweise "besser" zu werden.

An einem Abend im Sommer wandte ich mich während dieser Rückschau spontan an Gott, überließ ihm meine Fehler und Sorgen und bat ihn um Vergebung. Dadurch endete diese Rückschau mit einem Gefühl tiefen Friedens und einem blendenden Schlaf.

Gerad im professionellen Rahmen ist die Stoa eine hervorragende Methode, Ordnung im inneren Chaos zu schaffen. Auch zur rein menschlichen Selbstverbesserung empfinde ich sie als sehr hilfreich.

Aber dort, wo ich mit meinem Latein am Ende bin, wo mich Sorgen und Angst überwältigen, wo ich auch einfach mal sein möchte, ohne mich ständig an der Kandarre nehmen zu müssen, dort bin ich dankbar, mich an einen hörenden Gott wenden zu dürfen, der mich am Ende der Zeiten annehmen wird, ob ich nun ein stoischer Weiser bin oder nicht.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Metta bhavana auf stoisch oder...

betet für die, die Euch hassen!

Je tiefer man in  Philosophie und Religion eindringt, desto mehr erkennt man die immer wiederkehrenden Wahrheiten in den unterschiedlichsten Systemen.
Im Buddhismus gibt es eine Meditation namens "metta-bhavana".
Kurz gesagt beinhaltet diese Übung das Senden liebevoller Gedanken. Je nach Anleitung beginnt man entweder bei sich selbst oder bei seiner Mutter, fährt bei Familie und Freunden fort, sendet sein Wohlwollen dann an neutrale Personen und schließlich auch an die "schwierigen" Menschen, die Feinde, sofern man welche hat.
Der Sinn dieser Übung liegt meines Erachtens weniger in der Annahme, dass dieses Wohlwollen tatsächlich bei den Betreffenden ankommt, vielmehr findet eine Reinigung des eigenen Geistes statt, indem man sich von Hass und Rachegedanken befreit.

Bei den amerikanischen Stoikern habe ich vor einiger Zeit exakt die gleiche Übung entdeckt.

Allerdings braucht man gedanklich weder ins alte Griechenland, noch ins ferne Südostasien zu reisen um dieses Prinzip zu entdecken. Wenn Jesus bsp.weise in Matthäus 5, Vers 44 sagt:

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.
geht es um das Gleiche: Psychische Gesundheit und Auflösen von Hass und Rache. Wer mal versucht, auch gerne widerstrebend, für seine Gegner um Gottes Segen zu bitte, erfährt die gleiche Befreiung von Groll, wie der meditierende Buddhist oder Stoiker.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Die Suche nach Lust greift zu kurz!


Die Überschrift selbst tut es übrigens auch! Natürlich gibt es Situationen im Leben, in denen das Suchen nach Lust den Sinn einer Tätigkeit ausmacht. Sex ohne gezielt nach angenehmen Gefühlen zu streben ist für mich nicht vorstellbar.

Neulich hatte ich allerdings eine etwas intensivere Trainingsphase in der Kampfkunst die ich betreibe. Zu Beginn einer 2stündigen Einheit stellte ich fest, dass ich müde, durstig und lustlos war. Ich besann mich auf stoische Werte und beschloss, das Training trotzdem mit Anstand und Würde durchzuziehen, und es als  "voluntary discomfort" zu betrachten. Etwa eine Stunde später stellte ich fest, dass meine anfänglichen Beschwerden verschwunden waren, und ich mit Freude und Spaß trainierte.
Aus einer epikureischen Perspektive hätte ich niemals erwartet hier noch Lust zu finden, sondern hätte vielleicht das Training vorzeitig beendet. Nur dadurch, dass das Ziel ein Anderes war, nämlich Disziplin und Durchhaltvermögen zu zeigen, kam ich überhaupt an den Punkt an dem ich Spaß und Freude erfahren konnte.

Natürlich wird man jetzt einwenden, dass auch Epikur empfiehlt Unlust auf sich zu nehmen, um dafür größere Lust zu erfahren. Was aber ist, wenn im Vorfeld die zukünftige Freude garnicht zu erkennen ist? Neigt dann der Epikureer nicht dazu sich vorzeitig in sein Gärtchen zurück zu ziehen, während der Stoiker sich durchbeißt um seine Charakterstärke zu verbessern und am Ende möglicherweise (und unbeabsichtigt!) eine freudige Überraschung zu erleben?